Geburtsbericht - anonym 3

 

Zu Beginn der Schwangerschaft war ich mir in keinster Weise im Klaren, wo ich das Kind zur Welt bringen sollte und zog eine Krankenhausgeburt ernsthaft in Erwägung. Doch im Laufe der folgenden Monate fand ich mich mehrmals des Nächtens wegen Blutungen, die sich als bedenkenlos herausstellten, in der HSK wieder.

Und so konnte ich mich hinein fühlen, was es bedeuten würde hier mit Wehen anzukommen, Personal zu begegnen, das ich nie zuvor gesehen hatte, ohne einschätzen zu können, ob ich deren Urteil vertrauen könnte. Höchst wahrscheinlich wäre ich unter Wehen nicht mehr urteilsfähig und selbst wenn: dann Auseinandersetzungen führen zu müssen, dieser Gedanke schreckte mich ab. Und hier ging es nicht nur um mich sondern eben auch um dieses zarte kleine Wesen, das in mir der Welt entgegenwuchs.
So fasste ich den Mut, mir das Geburtshaus anzusehen und mich vorzustellen. Da sich das Kind gut entwickelte und alles ordnungsgemäß verlief stand einer Entbindung dort erst mal nichts mehr im Weg. Begeisterte, schöne Geburtsberichte im Ohr ließen mich ruhig in die Zukunft sehen. Auch die Vorsorgetermine im Geburtshaus waren sehr nett, beruhigend und unkompliziert. Ich war schon zehn Tage über dem errechneten Termin, als die Wehen eines schönen Sonntagnachmittags begannen. Am Morgen waren wir sogar noch in Idstein zur Akupunktur gewesen. Ich rief Vivian an und wir besprachen das weitere Vorgehen. Die Taschen waren gepackt (unter anderem die Utensilien für die Wassergeburt, juche!) und als nach einer Stunde immer noch Wehen da waren, beschlossen wir uns auf den Weg zu machen, immerhin hatten wir gut 50 Minuten Fahrt vor uns. Unterwegs noch zweifelnd stellte sich dies als optimaler Zeitpunkt heraus.
Im Auto kam ich mir noch seltsam und gehemmt vor beim lauten Atmen.
Im Geburtshaus angekommen reichte Vivian mir bei der nächsten Wehe ihre Hand zum Festhalten. Ich werde nie vergessen, wie sie vor mir stand, unerschütterlich, ihre Hand ein fester Anker und mit mir atmete: Da wusste ich, dass ich wahrhaft gut aufgehoben war und geführt werden würde.
Als die Wehen stärker wurden und der Muttermund deutlich geweitet war durfte ich in die Wanne, wo ich begann bei jeder Wehe hemmungslos zu schreien. Mein Freund saß am Rand und wusste nicht recht, mal wollte ich seine Hand, dann wieder gar nicht. Vivian kontrollierte hin und wieder den Fortschritt und inzwischen war Edda eingetroffen, die mir schon im Vorfeld viel Mut gemacht hatte. Und schon bald konnten wir das Köpfchen fühlen.
Nun war es so, dass mein Freund und ich die zweite Hälfte des Geburtsvorbereitungskurses geschwänzt hatten und da es unser erstes Kind war, war ich mir über die verschiedenen Geburtsphasen bzw. wie mit ihnen umzugehen ist gar nicht im Klaren. Es begannen also die Presswehen und ich hatte immer noch nur " Loslassen, Öffnen und Entspannen" im Kopf. Ich schrie und jammerte, jammerte, jammerte. Vivian entgegnete aufmunternd ein „Ja!" auf mein wehleidiges „Nein" und genau da lag der Haken: Der Eintritt des Köpfchens, das bedeutete, dass ich bald mein Kind in Händen halten würde und ehrlich gesagt war ich mir unsicher, ob ich dem gewachsen war.
Und tatsächlich ließen die Wehen nach und das Köpfchen rutschte sogar wieder zurück!
Sie sagten, ich solle aus dem Wasser kommen, da dies manchmal eben zu beruhigend wirkt und ließen mich auf dem Bett Platz nehmen. Mit der Aufforderung mich auszuruhen und zu Kräften zu kommen ließen sie uns in Rufweite alleine, was auch sehr angenehm war. Überhaupt war da immer das richtige Maß an Zurückgezogenheit und munterer Zusprache.
Ich ahnte, dass sie sich besprachen und als Vivian wieder erschien, sagte sie, sie wisse nicht, ob sich das Köpfchen vielleicht verkeilt habe, sie würden versuchen die Wehen wieder in Gang zu bringen, wenn dies nicht gelänge müssten wir weiter sehen. Ich wollte auf keinen Fall ins Krankenhaus und ich wusste um meine Angst vor der Mutterschaft. Doch ich konnte ihr nicht entgehen, die Frage war jetzt nur noch, wo ich sie antreten würde.
Und so fragte ich Vivian „Ich traue mich nicht, nicht wahr?". Und sie sagte „Ja, das ist gut möglich."
Und auch das werde ich nie vergessen, diese direkte Ehrlichkeit, die mir meine Aufgabe wieder bewusst machte: Ich war hier, um die Geburtsarbeit aus eigener Kraft zu vollbringen. Ihre ehrliche Antwort machte mir klar, dass ich es selbst in der Hand hatte und Hoffnung und Kraft kehrten zurück. Sie gaben mir homöopathische Kügelchen und Tee und rieben mir den Bauch mit speziellem Öl ein. Und die Wehen begannen wieder stärker und stärker zu werden.
Vom Bett wechselte ich auf den Geburtshocker und wie dankbar war ich nun, meinen Freund hinter mir zu haben der mich umschlang und gemeinsam mit mir bei jeder Wehe wie von selbst atmete und meine Hände ebenfalls presste, nachdem mir Viviane klargemacht hatte, dass ich tatsächlich pressen musste, was das Zeug hielt.
Sie hießen mich dann im Vier-Füßler-Stand auf dem Bett Platz nehmen und einige Wehen, aufmunternde, anfeuernde Worte und einen Dammriss später ward unser Sohn geboren und das ist ja das Unfassbarste, wie diese kleinen Sterne da plötzlich aus dem Nichts purzeln!
Ich drehte vorsichtig meinen Kopf und da lag er. „Der hats aber eilig!". Die Nabelschnur hörte sehr schnell auf zu pulsieren und so durchtrennten sie sie bald. Ich legte mich im Bett zurück und nahm ihn vorsichtig mit ungeschickten Händen zu mir.
Da lagen wir zu dritt, unglaublich glücklich und erstaunt.
Sechs Stunden nachdem wir im Geburtshaus angekommen waren, war unser kleiner Wicht geboren und mit ihm eine Frau.
Stolz, Dank bester Unterstützung hatte ich ohne jegliche medizinische Eingriffe mein Kind zur Welt gebracht und in den folgenden Wochen entdeckte ich in mir Seiten ungeahnter Weiblichkeit und eine Hochachtung allen Müttern gegenüber. Nachdem der Kleine angezogen war und auf dem Wickeltisch lag hauchte ihm sein Vater einen Kuss auf die Brust und just da lächelte er zum ersten Mal!
Er ist ein sehr entspanntes, unglaublich fröhliches Kind und ich weiß, dass uns dieser gute Start nur Dank dieser schönen Geburt und der guten Betreuung im Wochenbett durch Katja, die viel Raum ließ, die eigene Intuition wiederzuentdecken und erwecken, möglich war.
Noch heute denke ich mit Freude und einem Lächeln an diesen Tag, dieses fantastische Ereignis zurück, das unser Leben durch seine Schönheit auf so gute, bezaubernde Weise grundlegend verändert hat. Das Vertrauen, das ich darin gefunden habe, wäre mir ohne die Idsteiner Hebammen, die so tapfer dafür eintreten, diese Möglichkeit entgegen der aktuellen politischen Entwicklung zu erhalten, nicht gegönnt!
Unseren herzlichsten Dank an das gesamte Team!

 

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