Geburtsbericht Nr. 2 - Familie Koch

 

„Ich freue mich auf die Geburt, egal wo sie stattfinden wird!“ Die Frage, an welchem Ort unser zweites Kind zur Welt kommen sollte, beschäftigte mich während meiner Schwangerschaft sehr intensiv. Wir wussten sofort nach dem positiven Schwangerschaftstest, dass wir uns im Geburtshaus Idstein anmelden würden. Bereits unser erstes Kind hatten wir dort zur Welt gebracht und ich freute mich auf die Hebammen und die einladende, vertraute Atmosphäre. Beim zweiten Ultraschall gab es einen Dämpfer unserer fröhlichen Pläne: Die Gynäkologin diagnostizierte eine singuläre Nabelarterie (ein Gefäß zu wenig in der Nabelschnur) und sagte direkt dazu: „Ins Geburtshaus können Sie damit natürlich nicht.“

Der Gedanke, zur Geburt in eine Klinik zu müssen, war ein Problem für mich. Neben einer negativen emotionalen Prägung an der Stelle gehört eine gebärende Frau auch logisch für mich an einen vertrauten Ort, und das ist für mich kein Krankenhaus. Nun muss ich erwähnen, dass ich mich mit einem Online-Kurs in besonderer Weise mental auf die Geburt vorbereitete. Dabei wurde mir klar wie wichtig es ist, im Kopf flexibel zu bleiben, was den Ablauf und den Ort der Geburt betrifft, und dass es mit guter Vorbereitung möglich ist, auch im Krankenhaus eine erfüllende Geburt zu erleben. In der weiterführenden Diagnostik, die ich wegen der fehlenden Nabelarterie in Anspruch nahm, konnten dann allerdings alle notwendigen Gefäße dargestellt werden und der Weg ins Geburtshaus war wieder frei. Zum Ende der Schwangerschaft setzte ich mich nochmals mit dem Gedanken, eventuell in eine Klinik gehen zu müssen, auseinander, da das Baby schon wochenlang in Beckenendlage „saß“. Hebamme Laura gab mir einen Tipp für eine Spinning Babies Übung, die ich von da an täglich durchführte und das Baby drehte sich. Nun war ich sehr zuversichtlich, dass unser Baby wie geplant in Idstein geboren werden würde. Im Geburtszeitraum wachte ich eines nachts ca. 2:00 mit der ersten Wehe auf. Direkt begann ich mit der Atmung, die ich im Rahmen der mentalen Geburtsvorbereitung gelernt hatte und hatte dadurch keine Schmerzen. Die Wehen kamen in Abständen von etwa 20 Minuten. Mit der Zeit wurde es intensiver und auch die Abstände kürzer, was ich aber gar nicht so recht bemerkte, weil ich so entspannt war. Zwischen halb und um fünf trackte ich ein paar Wehen mit einer App und stufte das Geschehen als harmlos ein. Erst als mein Mann unseren Sohn zu uns ins Bett holte und dieser mich beim Veratmen „störte“, merkte ich, wie intensiv und mittlerweile auch schmerzhaft die Wehen waren. Wir standen ca. 6:20 auf und ich sagte meinem Mann jetzt erst, dass die Geburt losging. Mir wurde klar, dass wir keine Zeit mehr verlieren durften, um ins Geburtshaus aufzubrechen. Mein Mann orderte seine Schwester und deren Mann zur Betreuung unseres Sohnes, ich wollte in der Zwischenzeit noch schnell unter die Dusche. Dort wurden die Kontraktionen extrem herausfordernd und ich bot meine ganze Willenskraft auf, um „Herrin der Lage“ zu bleiben und die unfassbare Kraft, die die Geburt in uns Frauen entfesselt, zuzulassen. Ich musste an die Geschichte einer geplanten Hausgeburt denken, wo das Baby in der Dusche zur Welt kam, und dachte: Ja, hier könnte das Kind zur Not geboren werden, das wäre okay. Ich wollte jedoch immer noch ins Geburtshaus aufbrechen und mein Mann rief Susanne an, dass wir uns auf den Weg machen würden. Nach der Dusche konnte ich mich nur noch schlecht bewegen. Ich humpelte runter zu meinem Mann, der unserem Sohn gerade sein Frühstück gab, wusste dann nicht mehr, was ich dort sollte, und kroch im wahrsten Sinne des Wortes wieder nach oben, zurück ins Schlafzimmer. Ich kniete vor meinem Bett, hielt mich an der Matratze fest und vergrub mein Gesicht im Handtuch, das ich vom Haare waschen noch auf dem Kopf hatte. Die Wehen schienen endlos zu dauern und ich fragte mich, wie ich mich in dem Zustand noch anziehen und bis zum Auto laufen sollte. Dann folgte eine Art Befreiungsschlag: Der starke Druck, den ich die ganze Zeit während der Kontraktionen gespürt hatte, gab nach und Flüssigkeit lief an meinen Beinen nach unten. Die Fruchtblase hatte sich geöffnet – zusammen mit der ersten Presswehe! Mir wurde klar: Unser Kind würde definitiv jetzt HIER auf dem Schlafzimmerboden geboren werden. Mit dieser Erkenntnis durchströmte mich ein Motivationsschub. Ich wusste, dass ich die Presswehen sehr gut meistern musste, weil ich allein war. Ich durfte dem Kind nicht im Weg sein. Aber da war keine Unsicherheit, keine Angst, nur das Wissen, dass mein Körper und das Baby das machen würden. Ich tönte laut „Jaaaaaaa!“, was mir half, loszulassen und die Geburt in ihrer ganzen Heftigkeit geschehen zu lassen. Ich konnte den Weg des Köpfchens gut spüren und tastete danach, als ich dachte, es müsste bald draußen sein. Zu meinem Mann keuchte ich: „Du musst das Kind auffangen!“, was dieser gar nicht richtig ernst nahm, weil alles so schnell ging. Mein Mann hatte nach dem Blasensprung nochmals mit Susanne telefoniert und sie über die Ereignisse informiert. Es war zum Glück kein Problem, dass sie und Carolin (die uns beide übrigens schon bei der ersten Geburt begleitet hatten) trotz eines etwas weiteren Weges spontan zu uns kamen. Da jedoch klar war, dass sie die Geburt verpassen würden, orderte mein Mann zusätzlich den Rettungsdienst und ging davon aus, dass wenigstens die Sanitäter es schaffen und das Baby auffangen würden. Doch das Baby hatte andere Pläne. Es wurde 7:22 in einem Rutsch geboren, glitt meinem Mann durch die Hände und landete auf dem Handtuch unter mir. Es schrie direkt zweimal kurz und hatte eine gesunde Hautfarbe. Im Moment der Geburt öffnete unser Schwager (der in der Zwischenzeit gekommen war, um unseren Sohn abzuholen) unten zwei Sanitäterinnen die Tür. Sie checkten mit kurzer Blickdiagnose, dass alles in Ordnung war, legten mein Bett mit Handtüchern aus und halfen mir und dem Baby hinein. Wir kuschelten in Ruhe und warteten auf die Hebammen. Ich lachte und war unfassbar stolz, das Baby allein geboren zu haben. Es fühlte sich einfach perfekt an, in dem Moment zuhause im eigenen Bett zu liegen. Eine viertel Stunde nach der Geburt traf als erste Hebamme Carolin mit dem Hausgeburtskoffer ein, weitere 5 Minuten später dann Susanne. Die Nabelschnur war mittlerweile auspulsiert und mein Mann durchtrennte sie. Die Plazenta wurde geboren und unser Baby saugte das erste Mal an der Brust. Susanne nähte eine kleine Geburtsverletzung und Caro führte neben mir im Bett die U1 durch. Nachdem ich ein zweites Mal an diesem Morgen duschen gegangen war, stellten wir unserem Sohn seine kleine Schwester vor und Susanne und Caro überließen uns nach einem Kaffee und einer herzlichen Umarmung unserem chaotischen Wochenbett-Glück. Diese ungeplante Hausgeburt war für mich die Erfüllung eines unbewussten Traumes. Ich verstand zwar Familien, die Hausgeburten planen, sehr gut, hatte aber nie auch nur im Entferntesten daran gedacht, dass so etwas auch für mich infrage kommen könnte. Am Tag vor der Geburt hatte Carolin mir im Rahmen einer Vorsorge noch geraten, bei der Entscheidung, wann wir ins Geburtshaus aufbrechen sollten, auf mein Gefühl zu hören. Mein Gefühl riet mir, im Bett zu bleiben, bis es „zu spät“ war – und es war perfekt. Das Wissen aus dem ganzheitlichen Geburtsvorbereitungskurs (und aus der ersten Geburt) gab mir die innere Sicherheit, das Baby ungeplanter Weise entspannt allein zu gebären und die äußere Sicherheit gewährleisteten Susanne und Caro mit ihrer grandiosen Spontanität. Ich wusste, dass gleich jemand mit medizinischem Fachwissen bei uns sein würde und konnte deshalb die ersten Momente mit dem Baby staunend genießen.
Vielen Dank an das gesamte Geburtshaus-Team und im Besonderen an Susanne und Carolin, dass ihr unseren beiden Kindern einen so traumhaften Start ins Leben ermöglicht habt!