Geburtsbericht - Familie Marx

 

Für mich stand eigentlich von Anfang an fest: Wenn die Schwangerschaft gut verläuft, kommt mein drittes Kind auf jeden Fall im Geburtshaus zur Welt. Schon bei den großen Geschwistern hätte ich gern hier entbunden, doch der Papa war sich unsicher und mein Frauenarzt war rigoros dagegen. Aber jetzt. Im dritten und definitiv letzten Anlauf, denn unser Schätzchen war eigentlich gar nicht mehr geplant, sollte es so sein.


Die Schwangerschaft verlief problemlos. Sodbrennen und Übelkeit gingen mir ziemlich auf die Nerven aber das war es auch schon. Den Frauenarzt der so vehement gegen Geburten außerhalb einer Klinik war, habe ich kurzerhand gewechselt. Die Debatte ob eine Geburt mit Hebamme allein nun ein erhöhtes Risiko birgt oder nicht wollte ich mir nicht noch einmal geben.
Viel wichtiger war mir, dass ich dieses Kind in meinem Tempo gebären und nicht passiv entbunden werden wollte. Nach einer Geburt ohne und einer unter PDA wusste ich was mir an Schmerzen bevorsteht und auch das ich es aushalten kann. Zum Informationsabend hat mich mein Lebensgefährte und meine große Tochter begleitet.
Die Atmosphäre in diesem wunderbaren Haus hat mir gleich gefallen, ähnlich einer trächtigen Katze die mit dem Wäscheschrank liebäugelt auch wenn man ihr ein noch so gemütliches Körbchen vor die Nase hält. So soll es sein und damit basta.
Auch meine Nachsorgehebamme war ganz entspannt und hat mich durchweg unterstützt.
Gegen Ende der Schwangerschaft und unzähligen schlaflosen Nächten dank dickem Bauch und nicht endendem Sodbrennen war ich dann fast soweit es mit einem Wehencocktail zu versuchen.
Jaja man soll nicht ungeduldig sein und das Kind bestimmt den Zeitpunkt. Schön, das nicht ein übervorsichtiger Arzt gleich nach dem Wehentropf ruft sondern alle nur zum Durchatmen und Abwarten raten. Mir ging Ende August einfach die Geduld aus. Jede Nacht beim Eindösen habe ich meinen Sohn angerufen: Hey kleiner Mann, ich will Deine Nase sehen. Mach Dich mal auf den Weg.
Hin und wieder gab es auch schon mal Wehen, doch sobald ich mich darauf konzentrierte und anfing auf die Uhr zu sehen, schwups war es wieder vorbei.
Also noch eine Runde Fenster putzen, spazieren gehen und Treppen rauf und runter laufen. Als ob das so einfach wäre mit dem Gewicht. Manchmal kam ich nur ein paar Häuser weit und hab mich dann wieder nach Hause geschleppt, aber es wollte einfach nicht richtig losgehen. Dazu kam das, sobald ich die Nase vor die Tür gehalten hab, von irgendwo einer der Nachbarn rief: „Die is ja immer noch schwanger!“ Die ganze Straße hat mit uns gewartet.
Aber dem Knaben ging es einfach zu gut. Genug Fruchtwasser zum Schweben und offensichtlich keine Lust auszuziehen.
Am 3. September morgens gegen halb sechs dann wieder Wehen. Und wie ich mich gefreut habe darüber. „Ja, weiter so. Bleib bei mir Junge und lass uns das jetzt wuppen.“ Erstaunlich wie freudig ich jeder Wehe entgegen sehen konnte. Bei beiden Großen haben die Wehen mir Angst gemacht. Wie vor einem Besuch beim Zahnarzt hab ich mich da gefühlt. Kalt und zittrig allein von der Angst vor Schmerzen die noch gar nicht stattgefunden hatten. Im Rückblick schreibe ich das dem Wehentropf zu. Eigene Wehen sind tatsächlich angenehmer und wenn man einmal in dieses System aus Wehen und Glückshormonen eingreift, stört man doch ganz erheblich. Denn die Endorphine gibt es leider nicht im Tropf .
Ca. eine Stunde später hat sich der Schleimpfropf gelöst. Das hatte ich bei den vorangegangenen Geburten ebenfalls nicht so erlebt oder vielleicht verpasst.
Fast beschwipst habe ich meine Hebamme angerufen: „Du vielleicht geht’s jetzt doch los. 3.9. ist doch auch ein schönes Datum.“
Sie kam und sagte nach einem geübten Blick: „Ruf da mal an, in ca. ner Stunde kannste losfahren. Muttermund ist schon 1,5 cm weit.“
Wir haben dann noch bis 10 Uhr getrödelt bevor wir im Auto saßen. Mit Wehen Auto zu fahren ist so gar nicht lustig und ich bin eine unmögliche Beifahrerin in meinem eigenen Auto, aber nach 20 Minuten hat mich Susanne begrüßt, während mein Partner erst einmal mit der Suche nach einem Parkplatz verschollen war.
Erster Gedanke: Ist das heiß hier drin! Aber die Fenster würden wohl eher zu bleiben. Meine Wehen waren kräftig und meine Lunge war es auch. Aus dem Nebenzimmer kamen ganz ähnliche Töne, das Geburtshaus war sozusagen ausgebucht.
Gegen 15:00 Uhr war der Muttermund komplett offen und ich auch eigentlich noch ziemlich guter Dinge. Sogar scherzen konnte ich noch und zwischen den Wehen in der Wanne einnicken. Also alles perfekt. Die Presswehen haben mich dann weggetragen, aber der Gedanke dass es jetzt ja nicht mehr lange dauert hat mir so viel Energie gegeben dass ich mich mit froher Grundstimmung habe treiben lassen und auch das Mitschieben ging von ganz allein.
Soweit so gut, bloß wollte es ab hier nicht mehr voran gehen. Der Knabe lag schräg und obwohl wir es mit laufen, Verfüßlerstand, hinlegen, aufstehen und hin und her drehen versucht haben...
Um 18:00Uhr waren wir noch immer nicht weiter. Man kann den Kopf fühlen, aber er steckt fest.
„Wir müssen jetzt mal besprechen wie es weiter geht.“ Ich sehe noch das Mitleid in Susannes Augen.
Inzwischen war ich auch nicht mehr freudig sondern fix und fertig.
„Ich kann nicht mehr, ich will auch nicht mehr. Verlegen und dann irgendwas, wegen mir Kaiserschnitt. Ich kann einfach nicht mehr.“ Trotz meiner klaren Vorstellung von der Traumgeburt sehe und sah ich das nie als Versagen. Es war einfach so. Nach drei Stunden Presswehen hatte ich keine Kraft mehr und trotzdem hab ich bei jeder Wehe mitgepresst, weil es einfach nicht anders ging und auch die Wehen haben einfach nicht nachgelassen. Es ging bloß nicht vor und nicht zurück. Klares Patt. Im Nebel habe ich noch mitbekommen das der Rettungswagen gerufen wurde. Gefühlte zwei Atemzüge später wurden die Sanitäter auch schon in das Zimmer geführt. Inzwischen hatte ich aufgegeben. „Ich lass jetzt mal die anderen machen. Ich geh keinen Schritt mehr. Genug Schmerzen! Ich will nicht mehr.“ Aber bis zum RTW musste ich schon noch selbst laufen. „Vielleicht sind das die paar Meter und Schritte die den Kleinen einen Millimeter in die richtige Richtung schupsen und dann geht es ganz schnell.“ Vielleicht, vielleicht auch nicht.
Zumindest kann der Knabe später einmal sagen er sei schon mal mit Sirene und Blaulicht nach Wiesbaden ins Krankenhaus gefahren worden.
Zum Glück war Susanne auch hier bei mir und hat sich mein Geschrei und Gejammer angehört. Vermutlich ist der Rettungswagen auch wegen meinem Gebrüll so schnell gefahren.
Übrigens fühlt sich so eine Fahrt etwa so an als würde man hinten in einem UPS Wagen als Päckchen mitfahren. Jede Bodenwelle geht direkt ins Kreuz. Das hätte wohl jedes Baby in die richtige Position geruckelt!
Tatsächlich kamen wir im Geburtszimmer des Krankenhauses an, Hebamme und Ärztin haben sich kurz vorgestellt und entgegen meiner Hoffnung, dass es nun endlich etwas gegen die Schmerzen geben würde kam die Ansage zu pressen.
„Nein, nein, ich kann jetzt nicht mehr. Ich hab doch schon so lang gepresst.“
„Das mag sein, aber es gibt jetzt kein Zurück mehr, das Kind kommt jetzt. Luft anhalten und pressen!“
Sie hatte Recht! Nach dem ganzen Zirkus und einer Fahrt im Rettungswagen. Den Zugang für den Wehentropf haben sie mir noch gelegt, obwohl ich mir da schon dachte an mangelnden Wehen hat es ja nun wirklich nicht gelegen ...
Nächster Schreck kam auf dem Fuße. Nach zwei Geburten war mir klar das der Kopf das schwerste ist, danach rutscht der Rest eigentlich fast schmerzfrei hinterher. Aber der Knabe steckte mit den Schultern schon wieder fest. Also weiter pressen. Luftanhalten und pressen.
19:30, genau anderthalb Stunden nach dem Gespräch kam Mika auf die Welt.
Leicht geknautscht, mit geschwollenen Äugelein und Boxernase. Aber gesund und kräftig und nach dem langen Ringen VIEL KLEINER als gedacht!
Und Susanne war dabei. Zwar nicht im eigenen Reich aber an meiner Seite.
Eine fast selbstbestimmte Geburt ohne PDA und am Ende ein gesundes Kind.
Sekt gibt es aber nicht im Krankenhaus. Nach knapp vier Stunden sind wir dann zu dritt mit einer gefüllten Autoschale nach Hause. Wir waren so glücklich und kaputt das wir durch Wiesbaden und Umland gefahren sind und sicherlich 50km weitergefahren sind als nötig.
Zuhause gab es dann ein Gläschen zum Anstoßen.
Am Ende bleibt ein spannender Tag, den ich zu ¾ genossen zu ¼ erlitten und am Ende wieder sehr, sehr genossen habe. Und unser Schatz der das ja auch alles mitgemacht hat und zuhause von seinen großen Geschwistern liebevoll begrüßt wurde.
Es gibt absolut nichts was ich anders machen würde. Ich bin froh Susanne an meiner Seite gehabt zu haben. Und super stolz auf unsere gemeinsame Leistung, Papa, Mama, Sohnemann und Hebamme.
Wir haben eben von allem etwas mitgenommen. So geht’s halt auch.
Ach so, kleiner Nachtrag: Die Plackerei war wohl nicht umsonst. Ein so kleiner Dammriss, dass ich das Nähen fast nicht gemerkt habe und wenn es nicht im Mutterpass stehen würde, hätte ich es längst vergessen. Kein Vergleich zu dem Dammschnitt bei der Geburt des großen Bruders. Und das obwohl meine Kinder alle ziemlich gleich groß und schwer waren. Immer zwischen 51 – 53cm bei ca. 3 ½ kg. Zwar bin ich auf dem Heimweg wie ein flügellahmer Albatros durch den Flur geschlurft, aber das die Muskeln alle schlapp sind nach 13 Stunden Schwerstarbeit ... wen wundert’s. Dafür konnte mir keiner mehr das breite Grinsen vom Gesicht wischen.
Danke 