Geburtsbericht - Kico
Die Geburt unserer Tochter N. L. fand an einem schönen Sonntag im April statt. Schon am Samstagabend kündigten sich erste Wehen an. Den ganzen Tag hatte sich die Gebärmutter immer wieder schmerzfrei zusammengezogen, später am Abend wusste ich irgendwann, dass die Geburt beginnen würde, da die Kontraktionen sich irgendwie anders, irgendwie intensiver anfühlten. Ich war dankbar, dass sich alles langsam anbahnte. Wir saßen im Garten und hatten gegrillt; während wir ins Feuer schauten und die Frühlingsluft genossen massierte mich meine Freundin, die zu Besuch war, mit einem Öl, was ich vom Geburtshaus bekommen hatte, um den Beginn der Wehen zu fördern. Wir waren bereits eine Woche über E.T.) Meine Freundin ging um kurz vor Mitternacht, ich verabschiedete sie noch mit einem „Ja, jetzt geht’s los“. Mein Freund und Partner des Kindes Samu hatte im Verlaufe des Abends schon den Kontakt zu meiner Freundin Andrea gehalten, welche die Geburt ebenfalls begleiten würde; nach einigem Hin und Her entschieden die beiden, dass es der richtige Moment wäre, sich von Marburg aus auf den Weg zu uns zu machen.
Andrea war dann etwa um 3 Uhr nachts da und löste Samu ab, der mich bei den ersten Wehen begleitet hatte. Es war super schön, danach von Andrea begleitet zu sein, welche neben mir im Bett lag, meine Temperatur checkte, die Wehen aufzeichnete und sogar mitatmete. Durch die Rufbereitschaftsnummer konnten wir schon früh mit einer Hebamme (Maja) Kontakt aufnehmen, welche uns sagte, dass wir vermutlich noch einiges an Zeit zuhause hätten, obwohl die Wellen schon irgendwie regelmäßig (aber noch recht schwach) waren. Also ließen wir es ruhig angehen. Neben meinem Bett brannte eine wunderschöne Geburtskerze. Ich benutzte die Audiodatei der Friedlichen Geburt und fühlte mich damit auf jede Welle vorbereitet. Fast jede Wehe war im Nachgang von Schluckauf begleitet und ich musste das, was ich aufgestoßen hatte, ausspucken. Ich musste mich noch zuhause schon zwei Mal übergeben, was eine typische Reaktion meines Körpers auf Schmerzen oder Überforderung ist. Ich fühlte mich danach aber eher erleichtert als überfordert.
Andrea machte irgendwann morgens das Fenster auf, sodass wir die Vögel zwitschern und den Regen fallen hörten. Später zum Frühstück versuchten Samu und Andrea mich zum Essen zu überreden, aber ich hatte keinerlei Appetit und konnte nicht mehr als eine Banane zu mir nehmen. Ich begann zu zittern, mir war abwechselnd kalt oder sehr warm. Wir telefonierten am Morgen nochmal mit der diensthabenden Hebamme Maja; die Wehen waren zu diesem Zeitpunkt schon länger und häufiger, also beschlossen wir gemeinsam, ins Geburtshaus zu fahren. Die Fahrt war gut auszuhalten; ich war die ganze Zeit in Hypnose und hatte es bequem.
Gegen 10 Uhr kamen wir im Geburtshaus an und wurden von der diensthabenden Hebamme Caro empfangen. Es war sonst niemand im Geburtshaus. Wir konnten ganz in Ruhe ankommen, das Bett beziehen usw.. Dann untersuchte mich Caro und versuchte den Zustand von Gebärmutterhals und Muttermund zu ertasten. Sie hatte Schwierigkeiten, etwas zu fühlen, da das Gewebe sehr weich war, sodass sie erstmal keine klare Aussage treffen konnte. Danach lag ich eine Weile im Bett und durchlebte so die Wehen. Caro hielt sich im Hintergrund, dokumentierte und beobachtete, z.B. die Länge und den Abstand der Wehen, die in dem Zeitraum wieder unregelmäßiger kamen. Irgendwann schlug sie uns vor, einen Spaziergang zu machen, was wir in die Tat umsetzten, um ein bisschen Wandel in die Situation zu bringen. Also gingen wir zu dritt die Straße runter, sehr langsam und mit mehreren Pausen, da ich zwischendrin natürlich Wehen hatte. Am Ende der Straße setzten wir uns eine Weile auf eine Bank und genossen die Sonne. Andrea und Samu wollten etwas essen, also setzten wir uns auf die Terrasse eines Restaurants. Andrea gab mir ein paar Nüsse, die sie dabeihatte – und ich musste mich direkt dort übergeben. Ich schloss wieder die Augen und machte die Hypnose an zur Beruhigung. Samu durfte mir dabei etwas Suppe füttern. Andrea holte uns Eis von der Eisdiele um die Ecke und damit wanderten wir langsam zurück. Wir waren insgesamt etwa zwei Stunden unterwegs. Vor dem Geburtshaus saß Caro, die einen Kaffee trank. Dann machte mein Freund Musik an, die wir gemeinsam hörten und dazu ein bisschen tanzten, auch noch nachdem wir wieder nach Drinnen gegangen waren. Ich bewegte mich hüftkreisend, auch der Peziball tat mir gut. Samu machte einige Lieder an, die mir etwas bedeuten. Bei einem meiner Lieblingslieder von Natalia Lafourcade musste ich plötzlich weinen und schluchzte ein paar Lieder lang, auf dem Ball kreisend und an die Wanne gelehnt. Meine Emotionen waren so gelöst, ich kann nicht klar sagen, was genau das Weinen ausgelöst hat aber es hat sich gut angefühlt.
Später legte ich mich wieder ins Bett, die Wehen waren weiterhin ähnlich lang und stark aber etwas regelmäßiger. Am Nachmittag, als Caro mich noch einmal vaginal untersuchte, stellte sie fest, dass der Muttermund noch vollkommen geschlossen war. Es war ein kleiner Dämpfer, nach der Nacht und dem ganzen Tag das Gefühl zu haben, bisher sei alles „umsonst“ gewesen. Caro sagte, es könnte nach ihrem Befund tatsächlich noch so lange dauern, dass es sogar möglich wäre, noch einmal nach Hause zu fahren. Ich war kurz verunsichert, aber als Andrea anmerkte, dass wir ja schon alles im Geburtshaus eingerichtet hatten und genauso gut einfach bleiben könnten, war ich auch davon überzeugt, weil wir es wirklich gemütlich hatten und die Situation zwar langwierig, aber nicht unbequem war. Also saßen Samu und Andrea weiter größtenteils still neben mir und warteten, wenn sie mich nicht gerade zum Trinken motivierten, den Spuckeimer ausleerten oder auf die Toilette schickten.
Eine Weile später fragte Caro, ob sie uns einen Moment alleine lassen könne, da sie einen Besuch machen musste. Wir hätten in dieser Zeit auch von Maja begleitet sein können, sahen es aber nicht als notwendig an, da die Geburt ja offensichtlich noch nicht so weit fortgeschritten war, wie wir noch vor der Untersuchung gedacht hätten. Also waren wir eine Weile alleine; Samu war bei mir, Andrea hatte sich im Nebenzimmer kurz hingelegt. Dann merkte ich, dass die Wehen länger wurden, die Atemzyklen forderten mir wesentlich mehr Ausdauer ab und die Pausen zwischen den Wehen wurden erheblich kürzer. Plötzlich war es eine Herausforderung, meine Atmung weiter so durchzuführen, wie ich es schon zu tun gewohnt war. Das Einatmen funktionierte zwar noch gut, aber die Ausatmung ließ mich meinen Becken stärker spüren und war dann ziemlich schnell auch begleitet von einem Pressdrang der meinen ganzen Körper beben ließ. Ich lag weiterhin im Bett und versuchte mit der Hypnose mit der herausfordernden neuen Situation umzugehen.
Caro kam gerade zum richtigen Moment zurück. Samu erzählte mir später, dass er kurz davor gewesen war, sie anzurufen, da sich die Situation schnell so sehr verändert hatte. Caro untersuchte mich dann sofort. Meine Temperatur und die Frequenz des Herzschlags waren leicht erhöht. Sie stellte bei der vaginalen Untersuchung sehr überrascht fest, dass sich der Muttermund in kurzer Zeit bereits um mindestens 8 cm geweitet hatte. Sie rief danach Maja an, die als zweite Hebamme zur Geburt dazukommen sollte. Auch Andrea wurde so nach ihrer kurzen Pause schon wieder geweckt. Caro sagte zuerst, ich solle den Pressdrang nur zulassen, wenn es nicht anders ginge. Sie schlug mir aber auch vor, die Position zu wechseln. Ab diesem Moment war ich im Vierfüßlerstand vor dem Bett, mit abwechselnd aufgestellten Beinen. Eine halbe Stunde später. Es stellte sich heraus, dass meine Temperatur weiter gestiegen war, ebenso wie N.s Herzschläge. Caro erklärte uns, dass deshalb eine Verlegung in eine Klinik nötig wäre, auch wenn die Geburt schon in einer späten Phase war. Also wären wir fast in Höchst gelandet! Im gleichen Moment als Maja dazukam (19.22 Uhr) platzte plötzlich die Fruchtblase und das Fruchtwasser war grünlich. Ich hab mich total erschrocken… Caro untersuchte noch einmal und stellte fest, dass das Köpfchen schon weiter unten im Becken war. In dem Moment war dann klar, dass eine Verlegung nicht mehr in Frage kam, ansonsten wäre N.L. am Ende noch im Nirgendwo zwischen Idstein und Frankfurt im Krankenwagen geboren. Schon kurz nach dem Blasensprung war meine Temperatur wieder im Normalbereich.
Dann ließen die Wehen mich pressen und ich konnte es vollkommen zulassen. Die Hypnose war für mich zu dem Zeitpunkt nicht mehr passend als Begleitung, es ging mir alles zu schnell und ich wollte lieber ganz auf Caro und Maja hören. Sie schlugen mir unterschiedliche Positionen. Ich war im Vierfüßlerstand, aber ich stand auch kurz vor der tatsächlichen Geburt, hob und kreiste ein Bein um das Kind zu lösen und ließ den Pressdrang ganz zu. Bald konnte ich N.s Kopf schon mit der Hand erfühlen. Es fühlte sich so seltsam an, fast so surreal wie der Gedanke, dass ich diesen Kopf, das ganze Kind, tatsächlich vollkommen rauspressen sollte (darüber hatte ich vorher scheinbar nie nachgedacht).
Am Ende waren es, in meiner Wahrnehmung, relativ wenige sehr intensive Presswehen bis zur Geburt. Um 20.10 Uhr war der Kopf geboren, um 20.11 Uhr, mit einer starken Wehe, war N.L. dann sehr plötzlich auf der Welt. Es ging so schnell, dass ich ganz fassungslos war, als sie unter mir auf der Matte lag. Die Hebammen nahmen sie nur ganz kurz weg, wischten sie ab und ich konnte mich schon hinlegen. Sie legten N.L. auf mich, die schnell Grimassen zog und sich mit ihren Beinen nach oben drückte. Andrea und Samu machten Musik an und tanzten ein bisschen während sie beobachteten, wie Caro mir und N.L. beim Stillen half. Ich bin sehr glücklich über die Wahl meiner Geburtsbegleitungen. Samu und Andrea waren ein richtig gutes Team und haben während der Geburt alles getan, um vollkommen für mich da zu sein, so dass ich mich unglaublich beschützt gefühlt habe.
Es folgten bestimmt zwei Stunden des Ankommens, deren Details für mich etwas verschwommen sind. Nach der sehr schnellen, unkomplizierten Plazentageburt hatten sich die Hebammen erst zurückgezogen, sodass wir einen Moment unter uns hatten. Es war super gemütlich, Samu holte Essen vom Inder für uns und wir telefonierten mit meiner Schwester und meinen Eltern, aßen endlich sämtliche mitgebrachte Snacks und tranken Tee. Danach untersuchten Caro und Maja uns beide und schauten sich auch die Plazenta genau an. Ich hatte kleinere Geburtsverletzungen, die von Caro genäht wurden, während Maja N. untersuchte und für sehr gesund befand. Um 23.40 Uhr wurden wir entlassen. Es war eine sehr herzliche Atmosphäre beim Abschied und wir waren alle sehr dankbar, nach der ganzen Aufregung und möglichen Verlegung, glücklich und mit einem gesunden Baby nach Hause fahren zu können.
Im Großen und Ganzen war das, was ich während der Geburt empfand, auf irgendeine deine Weise im Bereich des Berechenbaren und damit Erträglichen. Mit dem begleitenden Atem sowie der Visualisierungs- und Entspannungstechniken, die ich anwendete fühlte ich mich die meiste Zeit ruhig und in Kontrolle über das, was mein Körper tat. Deshalb bin ich froh, mich mit der Friedlichen Geburt vorbereitet zu haben, da ich ein Werkzeug an der Hand hatte, was mir wichtig war. Ich bin auch sehr froh, mich für das Geburtshaus entschieden zu haben. Nur dadurch, dass meine Wochenbett Hebamme Maja war, war ich überhaupt auf die Idee gekommen und wollte es mir erst einmal anschauen. Ich war noch eine Weile lang unsicher gewesen, ob ich der Situation gewachsen bin, aber mit der Zeit und nachdem ich alle Hebammen kennengelernt hatte, gewann ich immer mehr an Vertrauen und Zuversicht. Ich kannte den Ort, hatte mir schon eins von den beiden Zimmern ausgesucht und konnte mir die Geburt immer mehr vorstellen. Außerdem hatte ich das Gefühl, dass ich alle Wünsche und Sorgen mit den Hebammen teilen konnte und auf jeden Fall gut betreut sein würde, was sich ja auch bewahrheitet hat. Auch meine Geburtsbegleitungen haben sich wohl gefühlt. Ich würde mich auf jeden Fall wieder so entscheiden, denn durch diese Vorbereitung, diesen Ort und diese Begleitung war N.s Ankommen vor allem friedlich und schön 😊.
